Wirada Läderach
Wirada Läderach
31.01.2026

Kamera an, Energie aus?

Warum uns MS Teams mehr fordert als der Präsenzunterricht.

Zoom fatigue

Der tägliche digitale Marathon 
Hand aufs Herz: Wer von uns hat im 5. Semester nicht schon mal während einer Online-Vorlesung die Kamera kurz ausgeschaltet, um die Augen zu entspannen oder sich einen Kaffee zu holen? Was wir oft als «Multitasking» oder «Effizienz» tarnen, ist in Wahrheit oft ein Schutzmechanismus unseres Körpers. Das Phänomen hat mittlerweile einen festen Platz in der Kommunikationswissenschaft: Zoom Fatigue. Doch warum ist das Starren auf Kacheln in MS Teams eigentlich anstrengender als ein ganzer Tag Präsenzunterricht vor Ort an der HWZ?

Das Gehirn im digitalen Stress: Die fehlenden 80 % 
In unserem Studium lernen wir, dass Kommunikation weit mehr ist als nur das gesprochene Wort. In der physischen Interaktion verarbeitet unser Gehirn blitzschnell und unbewusst hunderte von nonverbalen Signalen: ein leichtes Nicken, die Körperhaltung, das Atmen des Gegenübers oder subtile Mimik.

In Videokonferenzen wird dieser Kanal jedoch massiv gefiltert. Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt, oft in mässiger Bildqualität oder mit minimalen Verzögerungen. Unser Gehirn versucht krampfhaft, diese «Lücken» in der Körpersprache zu füllen, um das Gegenüber richtig einschätzen zu können. Dieser permanente Analyse-Modus läuft im Hintergrund wie ein schweres Computerprogramm und saugt unseren Akku innerhalb kürzester Zeit leer.

Der «Spiegel-Effekt» und der Fokus-Zwang 
Ein weiterer Faktor, den wir oft unterschätzen, ist die ständige Selbstbeobachtung. In einem Seminarraum sehen wir die Dozierenden und unsere Mitstudierenden, aber wir sehen uns nicht selbst. In Tools wie Zoom oder Teams haben wir uns jedoch permanent selbst im Blick. Das führt zu einer unbewussten, dauerhaften Selbstkontrolle: «Sitze ich gerade? Wie wirke ich? Schauen meine Haare ordentlich aus?» Dieser «Spiegel-Effekt» erzeugt einen psychologischen Stresslevel, den wir in der normalen Face-to-Face-Kommunikation gar nicht kennen.

Zudem erzwingt der digitale Kanal einen unnatürlichen Augenkontakt. Wir starren minutenlang konzentriert auf den Bildschirm, was die Augen ermüdet und die kognitive Belastung erhöht, da der natürliche Blickwechsel im Raum fehlt.

Strategien für die folgenden Semester: Bewusste Kanalauswahl 
Was bedeutet das für uns als angehende Kommunikationsexperten? Die Lösung liegt in der professionellen Channel-Selection. Wir müssen lernen, dass nicht jede Information den «reichsten» Kanal (Video-Call) benötigt:

  1. Mut zur Kamera-Pause: Bei reinen Informationsblöcken oder wenn man nur zuhört, sollte es legitim sein, die Kamera auszuschalten. Das entlastet das Gehirn sofort vom Stress der Selbstbeobachtung.
  2. Asynchrone Kommunikation nutzen: Bevor wir das nächste Meeting einberufen, sollten wir prüfen, ob ein gut strukturierter Post in der Teams-Gruppe oder eine Sprachnachricht (Content) das Ziel nicht effizienter erreicht.
  3. Audio-Calls bevorzugen: Oft reicht die Tonspur völlig aus. Ohne das starre Fixieren des Bildschirms können wir uns paradoxerweise manchmal sogar besser auf das Gesagte konzentrieren.

Fazit 
Die digitalen Tools schenken uns eine enorme Flexibilität, aber sie fordern uns auch. Als Studierende der Business Communications ist es unsere Aufgabe, diese Werkzeuge nicht nur blind zu nutzen, sondern sie so zu steuern, dass die Botschaft ankommt, ohne dass wir am Ende des Tages kommunikativ «ausgebrannt» sind. Manchmal ist der beste Weg, die Kommunikation zu verbessern, schlichtweg den Stecker zum Video-Kanal mal zu ziehen.