Kulturelle Unterschiede: Theoretisch untersucht - in der Realität überprüft
Vor einem Jahr wagte ich im Kurs «Interkulturelle Kommunikation» einen Vergleich zwischen der Schweiz und Österreich. Dabei habe ich festgestellt, dass die Österreicherinnen und Österreicher viel Wert auf partizipatives Zusammenarbeiten legen. Ob sich diese Erkenntnis in meinem Auslandsemester in Wien bestätigt hat, erfährst du in diesem Blogeintrag.
Ausgangslage: Geert Hofstedes Kulturdimensionen
In meinem Reflexionsbericht habe ich die Schweiz und Österreich gestützt auf die Kulturdimensionen nach Geert Hofstede verglichen. Der niederländische Kulturwissenschaftler und Sozialpsychologe entwarf das Modell in den 1960er Jahren zur Analyse kultureller Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften. Grundlage des Modells sind unterschiedliche Ausprägungen in den nachfolgenden sechs Dimensionen:
- Machtdistanz (power distance)
- Kollektivismus/Individualismus (individualism)
- Maskulinität/Feminität (masculinity)
- Unsicherheitsvermeidung (uncertainty avoidance)
- Langzeit-/Kurzeitorientierung (long term orientation)
- Genuss/Zurückhaltung (indulgence)
Erkenntnis: Österreich mag keine Machtungleichheit
Auffällig war die Abweichung in der Ausprägung «Machtdistanz». Dieser Wert beschreibt die Akzeptanz für eine ungleiche Verteilung von Autorität. Tiefe Werte sprechen für mehr partizipative Entscheidungsprozesse, hohe Werte für eine hohe Akzeptanz für hierarchische Beschlüsse. Die von Geert Hofstede erhobenen Werte unterscheiden sich für die Schweiz und Österreich auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten um ganze 23 Punkte. Demnach legen die Österreicherinnen und Österreicher mehr Wert auf Beteiligung in Entscheidungen und Prozessen als die Schweizerinnen und Schweizer. Das ist spannend, denn einerseits gilt die Schweiz mit ihrer einzigartigen direkten Demokratie generell als sehr partizipativ. Andererseits hat Österreich eine lange und prägende Geschichte als Monarchie. Halten die Umfragen von Hofstede meinen eigenen Erfahrungen in Wien stand?
Praxischeck: Gruppenarbeiten
Die höhere Partizipation bestätigte sich in der Zusammenarbeit in Gruppen sehr klar. Während in der Schweiz bei Gruppenarbeiten auf individuelle Aufgabenteilung gesetzt wird, erlebte ich in Wien eine gemeinschaftlichere Herangehensweise. Die Gruppe traf sich im Verlauf des Semesters mehrmals in verschiedenen Kaffeehäusern, um gemeinsam an den Aufgaben zu arbeiten. Das war für mich am Anfang ungewohnt. Schnell lernte ich aber auch die Vorteile zu schätzen: Durch den engeren Austausch entstanden sehr gute Resultate. Die erarbeiteten Konzepte und Präsentationen waren inhaltlich absolut konsistent und nicht bloss ein Flickwerk aus einzelnen Aufgabenbereichen. Ausserdem wirkten sich die Treffen positiv auf den Zusammenhalt aus, der mit jedem Kaffee und jeder Sachertorte enger wurde.
Fazit: Kultur ist träge, und das ist gut so
Für mich persönlich hat sich der von Geert Hofstede erhobene kulturelle Unterschied zwischen Österreich und der Schweiz in der Machtdistanz klar also bestätigt. Unsere gesellschaftlichen Besonderheiten scheinen sich nur langsam zu verändern, denn die Grundlagen für das Modell sind mittlerweile sechzig Jahre alt. Diese langsame Veränderung ist aber genau richtig so. Das macht das Reisen und Eintauchen in fremde Länder und Kulturen spannend und erweitert den persönlichen Horizont.
Es handelt es sich bei diesem Praxis-Check um eine rein subjektive, nichtwissenschaftliche Überprüfung. Die Erkenntnis hat aber für mich persönlich eine hohe Bedeutung. Die Wiener Art des Zusammenarbeitens hat den Studiumsalltag angenehm aufgelockert und die Kreativität beflügelt. Ich nehme mir darum fürs nächste Semester zurück an der HWZ vor, öfter mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Kaffeehaus arbeiten. Gruppenarbeiten wird es ja bestimmt wieder viele geben.